Tagung HfH 31.3.17

Integration von klein auf

Wie können Kinder mit besonderen Bedürfnissen auch in der familienergänzenden Kinderbetreuung gleichberechtigt teilhaben? Wie steht es um den Integrationsgedanken in der Schweiz? Eine Tagung an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich suchte Ende März Antworten auf diese und andere Fragen. GFZ konnte dabei mit einem Praxisinput die Sicht aus dem Alltag der familienergänzenden Kinderbetreuung vermitteln und zeigen, wie die Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen gelingen kann.

Rund 200 Fachleute aus verschiedensten pädagogischen Berufsfeldern nahmen am 31. März 2017 an der von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik organisierten Tagung in Zürich teil. Dabei sollten die gemeinsamen Aufgaben von Kita, heilpädagogischer Früherziehung und weiteren sonderpädagogischen Angeboten diskutiert und näher unter die Lupe genommen werden. Unter den Teilnehmenden waren heilpädagogische Früherzieherinnen und Früherzieher, Fachpersonen aus der Frühbildung sowie Mitarbeitende aus diversen Schweizer Kitas.

Was inklusive Frühpädagogik leisten kann
Drei Referate prägten den Vormittag. Timm Albers, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn, machte den Auftakt mit einem Referat darüber, was eine inklusive Frühpädagogik leisten kann. Den Schlüsselbegriff der Inklusion definierte er als Arbeitsthese recht weitläufig: «Inklusion kann als Prozess des Strebens nach grösstmöglicher Partizipation und des aktiven Verhinderns von Exklusion verstanden werden.» Dabei besonders wichtig seien tragfähige Erziehungspartnerschaften zwischen Elternhaus und Bildungs-, respektive Betreuungsinstitutionen. Eltern, Kitas, Früherziehung und Schulen müssten für einen gemeinsamen Aufbau einer lern-und entwicklungsförderlichen Umgebung für Kinder zusammenspannen. Und schliesslich sei es auch wichtig, sich auf Schatzsuche zu begeben und nicht immer nur nach Fehlern zu fahnden. Eine Aussage einer Betreuerin aus einer seiner Studien fasst zusammen, wie Inklusion in der Praxis funktionieren kann: «Es wird einfach immer mehr zur Selbstverständlichkeit, nicht zu denken: ‹Können wir ein sehbehindertes Kind aufnehmen?›, sondern: ‹Das Kind kommt. Wie müssen wir dann für dieses Kind da sein?›»

Wie die Fachkräfte in Kitas zusammenarbeiten sollen
Als zweite Referentin beleuchtete Silvia Wiedebusch, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Osnabrück, die «Interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen früh- und heilpädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen». Sie stellte eine Untersuchung zur Zusammenarbeit von Erzieherinnen und Frühförderinnen bei der Diagnostik und Therapie von Kindern mit Frühförderbedarf vor, die sie mit 143 Erziehenden aus 61 Kitas im Raum Osnabrück durchgeführt hatte. Die Teilnehmenden wurden zu folgenden Themen befragt: zu Kontaktarten und -häufigkeit; zur Zusammenarbeit bei der Diagnostik und zur Zusammenarbeit bei der Frühförderung. Dabei kristallisierte sich heraus, dass es beim Kontakt zwischen Erziehenden und Frühfödernden vor allem bei der Kommunikation hapert, wenig strukturierte Gespräche stattfinden, sondern die Information meist als «Tür- und Angelgespräch» erfolgt. Wiedebusch unterstrich, wie wichtig die Rolle der Heilpädagogen im Team ist und wie sie ein Team positiv beeinflussen und mitreissen können, was auch für die allgemeine Teamentwicklung sehr wertvoll sei.

Die Stolpersteine auf dem Weg zur gelungenen Integration
Thomas Jaun, Schulleiter von Curaviva, der Höheren Fachschule für Kindererziehung in Zug, beleuchtete in seiner Präsentation «Am Willen fehlt es nicht» die Hürden, die sich in der Betreuung von Kindern mit besonderem Frühbedarf in der Schweiz präsentieren. Jaun ortet drei Hauptstolpersteine, die auf dem Weg zur gelungenen Integration liegen: Der Bedarf nach Integration in der Kinderbetreuung, unterstrich er, sei zwar unbestritten, aber die Kinderbetreuung habe keinen Auftrag, die pädagogischen Grundlagen fehlten und letztlich seien auch die personellen und finanziellen Ressourcen nicht vorhanden. Zum fehlenden Auftrag führte er aus, dass die Ausgestaltung der heutigen Kita-Landschaft auf Bedürfnissen der Arbeitswelt und der Eltern basiere; die Kitas hätten keinen verbindlichen pädagogischen Auftrag und die pädagogische Arbeit basiere auf der Tradition und der Eigeninitiative in der Branche sowie diffusen Vorgaben. Massgeblich für die Entwicklung der Kitalandschaft seien zivilgesellschaftliche Initiativen wie das Netzwerk für Kinderbetreuung, das Projekt Bildungskrippen.ch oder das Label QualiKita. Um das Anliegen nach Integration weiterzutragen, forderte Jaun die Einbindung des Themas in pädagogische Konzepte, zudem sollten die spezifischen Kompetenzen in die Teams integriert werden und die Berufsausbildungen dementsprechend angepasst werden (was in der aktuellen Revision vorgesehen sei). Eigentlich, so Jaun, hätten doch alle Kinder besondere Bedürfnisse: «DieFrage ist nicht, wie man erfolgreich Integration machen kann. Die Frage ist vielmehr, wie eine Pädagogik entsteht, die allen Kindern erlaubt, individuelle und auf die eigenen Voraussetzungen und die eigene Entwicklung angepasste Lernerfahrungen zu machen, Gemeinschaft zu erleben und Vorbilder zu haben, an denen sie sich orientieren können.»

Begehrter Praxisinput von GFZ
Am Nachmittag hatten die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer Gelegenheit, an diversen Praxisinputs teilzunehmen. Astrid Hartmann, Heilpädagogin und Projektleiterin des Pilotprojekts Kinder mit besonderen Bedürfnissen, stellte diese Initivative der Stiftung GFZ zusammen mit Kitamitarbeiterin Jill Kaufmann einem sehr interessierten Fachpublikum vor. Bereits seit 2004 besteht bei GFZ ein heilpädagogisches Angebot. Da die Nachfrage danach kontinuierlich stieg, beschloss die Stiftung GFZ 2015, ein Pilotprojekt zu starten, das ein Betreuungsangebot für Kinder mit besonderen Bedürfnissen in allen 14 Kitas und rund 105 Tagesfamilien vorsieht. Derzeit betreut GFZ etwa 25 Kinder, davon 20 Prozent in Tagesfamilien. Erklärte Projektziele sind dabei die Rechts- und Chancengleicheit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Entlastung der Eltern. Zu den pädagogischen Leitideen gehören unter anderm die qualitätsorientierte Umsetzung von Inklusion. Die Kinder sollen teilhaben und vielfältige Erfahrungen machen können und dabei in ihrer Identität und Selbständigkeit gestärkt werden. Kinder mit besonderen Bedürfnissen haben Entwicklungsverzögerungen, eine Sprach-, Körper-, Seh- oder Hörbehinderung, eine geistige Behinderung, sie haben Auffälligkeiten im sozialen und emotionalen Bereich oder kommen aus stark belasteten Familienverhältnissen. Die GFZ-Expertinnen strichen zwei Faktoren für das Gelingen heraus: Der Eintritt / die Eingewöhnung sowie die intensive Zusammenarbeit von Eltern, externen Therapeuten, Fachstellen und dem Personal in Kita oder Tagesfamilie. Jill Kaufmann stellte mit Elohim und Jana zwei der Kinder mit besonderen Bedürfnissen näher vor und erzählte aus ihrem Betreuungsalltag mit ihnen. Nach der Präsentation beantworteten die beiden Fachfrauen die vielen Fragen aus dem Publikum. Es sei doch schade, fand eine Diskussionsteilnehmerin, dass sich private Stiftungen wie GFZ für so wichtige Projekte engagieren müssten, weil dafür in der Gesellschaft noch zu wenig Bereitschaft vorhanden sei.

Die Stiftung GFZ ist von ihrem Projekt überzeugt: Wenn Kinder mit besonderen Bedürfnissen in einer Gruppe sind, profitieren auch die anderen Kinder und deren Eltern von der Vielfalt, die sich dadurch ergibt, und es können Vorurteile abgebaut werden. Jedes Kind soll die gleiche Chance haben - Anderssein ist kein Problem, sondern eine Bereicherung.

Copyright © 2009 (GFZ) Gemeinnützige Frauen Zürich Alle Rechte vorbehalten | Nutzungsbedingungen | Datenschutz